Pädagogische Hochschule

Wie beeinflussen Trends den Unterricht?

Forum Musikalische Bildung FMB 2018 (Bericht)

 

Am 19. und 20. Januar 2018 fand im TRAFO in Baden das 9. Forum Musikalische Bildung mit dem Dachthema «Veränderung: Chance oder Gefahr?» statt. Im Rahmen der Veranstaltung wurde der Frage nach dem Einfluss von Megatrends auf die musikalische Bildung nachgegangen. Der Freitag stand im Zeichen der Themenbereiche Demografische Veränderung und Migration, zudem wurde ein Blick auf die Zukunft der musikalischen Bildung geworfen. Am Samstag waren die Themenschwerpunkte: Digitalisierung, neue Lernformen in der Musik sowie ein Blick auf die Zukunft der musikalischen Bildung in Österreich. Am Nachmittag der beiden Tage wurden jeweils Best Practice Modelle vorgestellt.

 

1. Instrumentalunterricht im reifen Alter

Im einleitenden Referat (Prof. Dr. Jonathan Bennett, Leiter Institut Alter, Berner Fachhochschule) wurde die Thematik «Instrumentalunterricht im reifen Alter» unter den Gesichtspunkten «Bedürfnisse, Zielsetzungen, Grenzen» erläutert.

 

Fazit der Erläuterungen:

  • Entdeckung des «Dritten Alters» (frei gestaltbar, mehrheitlich gesunde Jahre)
  • Instrumentalunterricht als bewusste Wahl älterer Menschen, die auch als Ausdruck von Individualität und Identität verstanden werden kann.
  • Selbstreflexion und Mitgestaltung als wichtige Merkmale des Unterricht. (Klärung der Zielsetzungen und Erwartungen)
  • Der Lernprozess bzw. das Tun und Erleben ist vielen – aber längst nicht allen älteren Musizierenden Ziel genug. Musizieren als Selbstzweck versus Leistungsziele.
  • Ältere Schülerinnen und Schüler berichten von positiven Auswirkungen: Sinn, Kontrolle und Autonomie und soziale Verstärkung (Creech et al., 2013).
    (Selbstwertsteigerung, Eigene Wünsche im Vordergrund. Sinnstiftung.
  • Lehrpersonen als flexible Fragende, Begleitende, Erklärende. Optimierung durch Selektion und Kompensation (Baltes).

 

2. Sozialer Wandel - Migration und Integration

Das zweite Referat mit dem Titel «Sozialer Wandel – Migration und Integration» wurde von Prof. Ueli Mäder in virtuoser, routinierter und packender Manier gehalten. Themen wie Globalisierung, Migration, Mobilität, Von der industriellen zur reflexiven Moderne, Paradigmenwechsel Ökonomisierung, Neue Identität und Verbindlichkeit wurden z.T. im Kontext der Musik erläutert bzw. verselbstständigten sich in der Euphorie des Referenten zu rein soziologisch-politischen Abhandlungen und pointierten Aussagen, die so packend waren, dass man ihm das zeitweise Verlassen des Kernthemas gern verziehen hat.

 

3. Zukunft der musikalischen Bildung mit Blick nach Deutschland

Das dritte Referat von Prof. Ulrich Rademacher (Vorsitzender Verband Deutscher Musikschulen) widmete sich dem Thema «Zukunft der musikalischen Bildung mit Blick nach Deutschland». Der Referent sprach über Aspekte wie Projektitis, Digitalisierung, Inklusion, Schulzeitverdichtung, Migration und demographischer Wandel. Damit verbunden war immer die Frage, wo den Pädagogen, Netzwerken, Politikern und Managern Zeit, Raum und Kraft für das bleibt, für das alle einmal angetreten sind: Für die Musik selbst.

Ein Blick in die Zukunft von Musikschulen stellte die Frage, ob auch Maschinen kreativ werden bzw. stellte die Frage nach dem Unterschied von menschlicher Kreativität zu künstlicher Intelligenz.

Vorteile der menschlichen Kreativität gegenüber der künstlichen Intelligenz:

Reflektion, Auseinandersetzung mit der Welt bzw. mit Beziehungen, Selbstfindung – bzw. Selbstbestimmung mit kritischer Reflexion, Resonanz (Gefühl, wahrgenommen zu werden).

 

Ein weiterer Blick in die Zukunft von Musikschulen zeigte neue Formen des Musizierens (DJ, Musizieren im Verbund mit künstlicher Intelligenz, migrationsbedingte neue Instrumente, Youtube als Lernquelle für das Instrumentalspiel).

→ Youtube: finanzneutral – aber mit fehlender Bilateral-Beziehung Lehrer/Schüler.

 

4. Update – Bildung für das digitale Zeitalter

Dr.oec. HSG Joel Cachelin (digitaler Vordenker, Gründer Wissensfabrik) war der Referent des vierten Vortrags unter dem Titel «Update – Bildung für das digitale Zeitalter».

 

Folgende 4 Thesen bildeten den Ausgangspunkt zu seinen Erläuterungen:

  • Zunahme der Vernetzung (3D, Drohnen, Roboter, Gesichtserkennung, Virtual Reality, Intelligente Lautsprecher, Hologramme).
  • Kreatives Potential der Mitarbeiter als Zukunftsthema für Manager. (Handwerk, Kreativität, Resonanz, soziale Fähigkeiten → nicht durch Roboter und Maschinen ersetzbar).
  • Digitale Transformation stellt unsere Menschen- u. Maschinenbilder zur Diskussion: Augen steuern Maschinen, Sprache steuert Maschinen (Google, Amazon, Apple etc.). Gefühle zu Maschinen werden entwickelt? Wer hinterfragt Digitalisierung: Verlierer, Datenschutz, Kulturpessimisten, Kapitalismusgegner, Entschleuniger, Nationalisten, Romantiker, Globalisierungsgegner ).
  • Machtfragen. Es stellen sich viele (neue) Machtfragen. Wer beherrscht die Matrix?

 

5. Musik? Schule? Labor? – Ideen und Visionen für einen Musizierlernort der Zukunft

Prof. Dr. Andreas Doerne / Stefan Goeritz waren die beiden Referenten des fünften Vortrags unter dem Titel «Musik? Schule? Labor? – Ideen und Visionen für einen Musizierlernort der Zukunft»

 

Ein kleiner Kreis reforminteressierter Musizierpädagogen, Musikschulleiter und Musikhochschullehrender, hat sich vor vier Jahren zusammengefunden, um das Lehren und Lernen an Musikschulen von Grund auf zu überdenken, Ideen für eine Musikschularbeit von morgen zu entwickeln und diese Ideen in der Praxis zu erproben.

Motiviert dazu wurden die Beteiligten vor allem durch die Beobachtung, dass an Musikschulen viele künstlerische, pädagogische und organisatorische Herangehensweisen, die gewohnheitsmäßig so gemacht werden, weil sie schon immer so gemacht wurden, nicht (mehr) greifen und daher ins Leere laufen. Zu oft verfehlt wird das in zum Teil völlig unterschiedlichen Bereichen schlummernde künstlerische Potenzial der Schülerinnen und Schüler, ihre Individualität als musikalisch sich äußernde Menschen und eigenständige Künstler.

 

Die Referenten haben es sich daher zur Aufgabe gemacht, neue Lernräume für das Musizieren zu entwerfen und diese im Laufe der kommenden Jahre Wirklichkeit werden zu lassen. Lernräume sowohl im sprichwörtlichen Sinne als neue Musikschulhäuser, wie auch im metaphorischen Sinne als inhaltliche Konzeptionen innovativer musizierbezogener Bildung. Doch diese Aufgabe will nicht alleine angegangen werden, sondern – in einem Akt kollaborativer Entwicklung – mit Menschen zusammen, die, ebenso wie die Exponenten der Gruppe, eine Notwendigkeit für Veränderung und Entwicklung im Gesamtsystem Musikschule sehen.

Unter folgendem Link sind nähere Informationen zu Zielsetzungen und bereits realisierten Ideen zu finden:  https://www.musikschullabor.de

 

Umrahmt wurden die Vorträge von «Best Practice Modellen» u.a. der Musikschulen Basel, Bern, Biel-Lyss, Luzern, Oberwallis, Schüpfheim.

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René Koch, ISEK – 12.02.18