Pädagogische Hochschule

Eine Klangreise durch Zeit und Raum - Rahel Hartmann Schweizer und Andres Bosshard im Gespräch

Rahel Hartmann Schweizer, Kunst- und Architekturhistorikerin, eröffnete den Abend an der PH Solothurn mit einer faszinierenden tour d'horizon durch die Geschichte des Klangs in Architektur und Gesellschaft. Von prähistorischen Höhlenkonstruktionen, welche den Klang umformen und vervielfältigen, über die Sphärenharmonie als Weltenkonstrukt, oder Palazzi mit Hörkanälen, um von einem Zimmer in ein anderes zu lauschen, führte die Reise zur modernen Architektur eines Otto Kolb, welcher einen Wohn-Raum geschaffen hat, der über geometrische Formen und Teilungsverhältnisse audiovisuell ins Schwingen kommt. In starkem Kontrast dazu steht die triste Realität der klanglichen Unorte im städtischen Raum, welche durch gängige Lärmschutzmassnahmen paradoxerweise oft noch verschlimmert wird.

Ein besonderes "Ohrenmerk" legte Hartmann Schweizer bei ihrer Schilderung auf die eigentümliche Spaltung im menschlichen Umgang mit Klang. Auf der einen Seite steht der rationalisierende Zugang, welcher die Klänge auf ihre physikalischen Entstehensbedingungen (Schwingungen, Luftsäulen, Resonanzkörper) reduziert, und in Formeln verpackt. Diese Formeln finden ihren Niederschlag in Weltbildern und Ideologien, eigentlichen "Schaubildern", die oft in der Architektur ihren Ausdruck finden. Auf der anderen Seite steht das Erlebnis solcher Klangräume - sofern sie denn je realisiert wurden - welches immer auch affektiv und unmittelbar sinnlich ist. Dem entspricht ein Verständnis von Klang - und Musik - als absolute Kunst, als Stimme des Herzens, als atmosphärische Urkraft.

Genau darauf setzt der Klangkünstler und Dozent Andres Bosshard in seiner Arbeit. Bei seinen Klangexpeditionen und -interventionen interessiert er sich für den Klangort, die Klanglandschaft als Erlebnisqualität. Er arbeitet mit von Menschen gebauten technischen Strukturen, wie Brücken oder Staudämmen, welche er zu eigentlichen Klangkörpern umdeutet. Die Dimensionen des Raumes werden für ihn einerseits im Klang fassbar, andererseits durch diesen aufgelöst, wenn er beispielsweise eine Satellitenklang-Brücke zwischen einer Bergspitze und New York spannt.
Bei der Gestaltung dieser Klangräume geht Bosshard vom Atmosphärischen aus, und vom Affekt, zuallererst des Künstlers selbst. Er schildert hierfür sinnbildlich sein Erlebnis eines Steines, der ins Wasser fällt: Dieser schafft gleichzeitig einen dreidimensionalen, dynamischen Raum und einen hochkomplexen Schallimpuls, der sich sozusagen unendlich

ausbreitet.

Gleichzeitig bleibt Bosshard mit seiner Arbeit ganz "am Boden", wenn er beispielsweise für die Stadt Zürich den Auftrag erfüllt, sich um die Stadtklänge zu kümmern, oder sich für die Stadt Linz mit der Idee einer zukünftigen Stadtklangbaumeisterei auseinandersetzt. Und somit schliesst sich auch der Kreis zwischen den rational-technischen und

affektiv-sinnlichen Zugängen zu Klangräumen.