Pädagogische Hochschule

Standardsprache oder Dialekt?

…eine schulpolitische Diskussion aus musikpädagogischer Perspektive

Im Musikunterricht Mundart oder Hochdeutsch sprechen?
Diese Frage beschäftigte auch  Michael Hans, einen jungen Musiklehrer auf der Sekundarstufe, am 26. Oktober 2008:

An meiner Schule führen wir momentan eine Diskussion über dieses Thema und die Meinungen liegen weit auseinander. Ich persönlich befürworte, dass im Fach Musik während des Singens Mundart gesprochen werden darf, da ich während des Singens einen direkten Zugang zu den Jugendlichen haben möchte. Ansonsten spreche ich in der Standardsprache. Nun würde mich interessieren, was Sie als Fachleiter Musik der FHNW für eine Meinung dazu haben?

 

Aus der Frage ergab sich folgende Diskussion:

Markus Cslovjecsek, Leiter der Professur Musikpädagogik Sek I an der FHNW:

“Herzlichen Dank für ihre Nachfrage. Meine Haltung in der Musikpädagogik ist eine pragmatische:

1. es ist richtig Mundartlieder (traditionell oder aktuell) in der entspechenden Mundart zu singen (und sie nicht in Standardsprache zu übersetzen!!) Auch alle anderen Lieder sollen nach Möglichkeit in der Originalsprache gesungen werden.

2. bei der Arbeit im Zusammenhang mit einem Lied ist es, wenn die Lehrperson oder ein Schüler entsprechende Sprachkenntnisse besitzt, sinnvoll und je nachdem auch herausfordernd einfache Anweisungen in der entsprechenden Sprache des Liedes oder seinem kulturellen Hintergrund zu machen (englische Lieder nach Möglichkeit in Englisch etc.)

3. unterschiedliche Sprachen und Dialekte bedeuten nicht nur sprachlich sondern auch klanglich eine interessante und bereichernde Vielfalt. Diese klanglichen und dadurch auch emotionalen Eigenheiten gilt es für den Musikunterricht geschickt zu nutzen – sie haben mit akustischer Bewusstheit zu tun. D.h. der Entscheid zum Einsatz einer bestimmten Sprache oder eines Dialektes ist damit nicht nur von den Kenntnissen und Fertigkeiten sondern auch didaktischen Überlegungen abhängig (z.B. Aufmerksamkeit, Rhythmisierung, paraverbale Prozesssteuerung) und dadurch begründbar.

4. ich wehre mich im Musikunterricht für die Verantwortung der Lehrpersonen und gegen sture Regeln. Evtl. ist es aber für eine Lehrperson und/oder für eine Klasse hilfreich, über eine gewisse Zeit Gespräche über Musik und die Vermittlung von Musiktheorie z.B. in Standardsprache zu halten, das praktische Musizieren in Dialekt aufzubauen und anzuleiten. Evtl. ist es motivierend Musiktheorie konsequent in englisch zu unterrichten – aus der fachlichen Perspektive wäre dies (stilabhängig) durchaus begründbar.

Ich freue mich, wenn Ihnen meine Stellungnahme hilft und bin gespannt auf die weitere Diskussion an den einzelnen Schulen und mit Kolleginnen und Kollegen.”

Michael Hans:

“Herzlichen Dank für Ihre prompte Antwort! Besonders Punkt 3 & 4 entsprechen meiner Meinung, welche ich gegenüber meiner Schulleitung, die vehement Standardsprache im Unterricht durchzusetzen möchte, zu vermitteln versuche. Ich wende Dialekt bewusst während des praktischen Musizierens an und kann so eine gewisse Nähe & Vertrautheit aufbauen. Gerade in Realklassen stelle ich fest, dass das “Abholen auf der emotionalen Ebene” für einen erfolgreichen Unterricht enorm wichtig ist. Dies gelingt mir deutlich besser in Mundart. Zudem kann man die unterschiedlichen Sprachen, wie Sie geschrieben haben, geschickt zum Rhythmisieren von Lektionen einsetzen. Ich habe zu diesem Thema auch den bernischen Erziehungsdirektor Bernhard Pulver befragt. Sein Zitat:

Ich erläutere Ihnen gerne im Folgenden nochmals den Grundsatz zur Unterrichtssprache. Zur konkreten Umsetzung der Vorgaben im Unterricht äussere ich mich nicht, da dies Sache der einzelnen Lehrperson ist. Wie Sie wissen, ist im Lehrplan der Grundsatz festgelegt, dass in allen Fächern hochdeutsch zu sprechen ist. Damit ist die Verwendung der Mundart nicht ausgeschlossen, diese soll aber gezielt und bewusst eingesetzt werden.

Gerade mit dem letzten Satz wäre also die bewusste Anwendung von Mundart zugelassen. Ich wäre froh, wenn ich Ihre Meinung bei den Diskussionen in unsere Schule zitieren dürfte?”

Markus Cslovjecsek:

“Sie dürfen meine Aussage zu dieser Frage gerne zitieren. Für unseren Diskurs ideal wäre, wenn wir die Argumente der Schulleitung für die strikte Verwendung der Standardsprache kennen.”

Antonie Mele, Musiklehrer an der Bezirksschule (Sekundarstufe):

“Was für eine spannende Diskussion!
Meine Erfahrungen und mein Umgang mit dieser Vielfalt:

Ich unterrichte Theorie in Standartsprache; die Anweisungen und Regeln gelingen mir in dieser Sprache mit grösserer Präzision. Beim Singen wird meist in Mundart gesprochen; wobei ich seit einigen Monaten zu einem teilweisen Immersionsunterricht übergegangen bin; english, française, italiano, deutsch. Dabei kommt dem Klang, der Agogik und dem Ausdruck der Sprache eine besondere Bedeutung zu. Sprache als eine Musizierform, nicht nur eine Ansammlung von Wörtern. Das finden die Schüler sehr spannend, und die eigentlich “organisatorisch” motivierte Sprache zwischen zwei Lieder zum Beispiel, wird zum ungezwungenen und offenen Betätigungsfeld in einer Fremdsprache. Für mich bedeutet das echte Auseinandersetzung mit einer Fremdsprache im Alltag; und wertet meines Erachtens den Musikunterricht über seine Grenzen hinaus auf.

Zur menschlichen Ebene, die Herr Hans anspricht, habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Autentizität einer Botschaft (von der Lehrperson zu den Schülern) und des Botschafters selbst das zentrale Element in der Kommunikation zwischen LP und Sch. ist. Erst durch eine von den Schülern annerkannte Autentizität der erzieherischen Botschaften im Unterricht, entsteht Akzeptanz gegenüber der Botschaft selbst; und diese Akzeptanz ist Bedingung damit eine erzieherische Botschaft überhaupt wirken kann.Wenn diese Autentizität durch die Mundart, als ein Teil der eigenen Identität von den Schülern besser, echter oder überhaupt erst wahregenommen wird, dann legitimiert sich der bewusste Einsatz der Mundart in meinen Augen voll und ganz.”

Weitere Meinungen, Stellungsnahmen und Umsetzungsideen zu diesem Thema

Wir freuen uns über eine Weiterführung dieser Diskussion.
Studierende, Dozierende, Musiklehrpersonen und Interessierte können Ihre Meinungen, Stellungsnahmen und Umsetzungsideen ganz einfach unten ins Kommentarfeld posten!