Pädagogische Hochschule

"Verrückung eines erstarrten Ritus: Kratimata in der byzantinischen Musik" - Ein Bericht zum Kolloquium am 05. Februar 2018 in Basel

Im Reich der Kratimata – eine Spezialdisziplin der oströmischen Musik

Byzantinische Musik bezeichnet den liturgischen Gesang in der orthodoxen Kirche. Sie ist «Musik in der Kirche, Musik für die Kirche, sie ist dienende Musik an der Liturgie» und damit ausschliesslich «an das liturgische Wort gebunden». Musikinstrumente werden als «Werke eines Geschöpfs» abgelehnt, nur die Stimme des Geschöpfs ist würdig, Gott zu preisen. – Soweit die kürzest mögliche Einführung und Grundlage, um den Vortrag des Theologen Dr. Alexandru Ioniță aus Sibiu (Rumänien) zu verstehen.

Nach einer praktischen Einführung mit einem gesungenen Hymnus – die sonore Stimme des Priesters bewegt sich dabei rund um den Orgelpunkt der mitsingenden Zuhörerschaft – werden wir in die Welt der Kratimata eingeführt. Der praktizierende Sänger, Priester und Theologe entwirft ein spannendes Geflecht von theologischen Begründungen, musikalischen Praxen und historischen Begebenheiten zu den wunderschönen Melodien, auf sinnfreien Silben gesungen. Die zum Teil auch konflikthafte Verzahnung der drei Ebenen kann gut als Ausdruck einer nachkommunistischen Zeit gedeutet werden, wonach einer Ausdünnung des Repertoires die ganze Fülle wiederentdeckt wird und auch die persönliche und religiöse Bedeutung neu belebt wird.

Im Anschluss an den Vortrag nimmt Peter Baumann (PH FHNW) die Diskussion denn auch mit der Frage nach dem Menschenbild des Referenten auf. Dieser verdeutlicht, dass das Singen der Kratimata eine Herzensangelegenheit, bzw. eine geistliche Betätigung sei und verortet damit das Singen der Kratimata nicht als Kunstform, sondern als gelebte Praxis in der Kirche. Der anschliessend durch den Diskutanten ins Spiel gebrachte Vergleich der Kratimata mit dem Naturjodel im Appenzell, dessen improvisierte Melodie gleichermassen ohne Text auf einem Bordun gesungen wird, zeigt Parallelen zu einer lokalen Gesangsform, welche als musikalische Praxis lebendig ist. Der Versuch, diese Praxis dem Referenten vorzuführen, wird anschliessend beim Apéro unternommen. Zuvor wird aber hitzig über die Frage diskutiert, ob diese Kratimata mit einem festen Puls zu spielen seien oder in einer rhythmisch freien Form. Die Expertin mittelalterlicher Musik und der ausübende Priester werden sich aber nicht einig.

Das Referat und die Diskussion zeigen auf, welches emotionale – sogar spirituelle – Potential in der Musik steckt. Vielleicht würde es nichts schaden, im pädagogischen Kontext dieses verbindende und emotionale Geflecht zu suchen und mit Schülerinnen und Schülern zu pflegen.

 

Gabriel Imthurn, ISEK

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